Kölner Original: Fleuten-Arnöldche

Bild vom Fleuten-Arnöldche

Et Fleuten-Arnöldche wurde am 12. Februar 1836 in der St. Apernstraße 34 geboren, wo sein Vater, der Musikus Theodor Wenger, eine kleine Weinwirtschaft hatte.

Über die Jugend des kleinen Arnold ist wenig bekannt, nur soviel ist sicher, dass er von seinem Vater Unterricht in der Musik erhielt und auch heimlich an seinen Kannen und Fässern zu viel probierte und den Keim zu seiner späteren Leidenschaft in sich eingesogen hat. Denn er hatte später ewig Durst und in der ganzen Zeit, wo er sich der goldenen Freiheit erfreute, trank er so lange, bis er besinnungslos hinfiel, so daß er des Morgens niemals nüchtern und abends immer betrunken war.

Bild vom Fleuten-Arnöldche, einem kölschen Original
Seltene Aufnahme des Kölner Originals: Et Fleuten-Arnöldche

Das ,,Arnöldche mit singe Fleut“ war in den Straßen und Wirtschaften sehr beliebt. Er stellte auch eine zu drollige Figur dar, und man konnte sich des Lachens nicht erwehren, wenn der untersetzte, behäbige Bursche mit den runden rosigen Wangen, der Stulpnase und den vergnügt und pfiffig zwinkernden Schlitzaugen inmitten einer Kinderschar stand und seiner Querflöte die schönsten Töne entlockte. Von Charakter war das Arnöldche harmlos und geduldig und, von kleinen Ausnahmen abgesehen, mit sich und der Welt immer zufrieden. Er hatte stets einen guten, kaum zu stillenden Appetit, und gegen die stärksten Getränke entwickelte er eine erstaunliche Widerstandsfähigkeit. So wurde manchmal, unter Versprechung einer später folgenden Menge Alkohol, mit ihm der Scherz gemacht, ihn einen großen Topf Sauce von eingemachten Heringen austrinken zu lassen. Mit Todesverachtung setzte Arnöldchen die Schüssel an den Mund, und wenn ihm auch die Brühe an beiden Backen herunterlief und die hervorquellenden Augen dick voll Tränen standen, er ließ nicht nach, bis der letzte Rest verschwunden war.

Eine intime Freundschaft verband ihn mit den Marktweibern. Wenn von diesen zur Feier eines Namenstages ein Umzug veranstaltet wurde, so schwang sich das kleine Kerlchen fink hinauf auf den Leiterwagen und blies im Kreise der behäbigen, robusten Marktfrauen lustig seine essen hatte, holte er sein Instrument hervor und ging den Häusern vorbei flöten — zum Betteln war er zu stolz oder er suchte in den Wirtschaften nach lustiger Gesellschaft, die er mit seinem Flötenspiel in frohe Stimmung versetzen könne. Und er durfte essen und trinken, soviel er wollte, und mit jedem Glas Bier oder Schnaps wurde er lustiger und ausgelassener. Zum Schluss gab er meist sein schönstes Stück zum Besten: Er warf einen sei Schuhe von sich und strich mit der nackten Ferse an Terse den begleitenden Brummbass zu seinem Flötenssolo. Das Ende vom Lied war immer dasselbe: Arnölchen war zum Schluss total betrunken und erschöpft, wie ein nasser Sack zu Boden und versank dort, wo er gefallen war, in einen tiefen, festen Schlaf. Er schlummerte oft auf dem blanken Straßenpflaster mit derselben Ruhe, als wenn er im weiches Himmelbett gelegen hatte. Und wenn das am helllichten Tage geschah, hatte die Polizei immer große Mühe, ihn aus der Ecke, wo er selig entschlummert war, mit einem Handwagen zum Ausnüchtern zu bringen: denn die Sympathien des sich rasch ansammelnden Bürger waren immer auf Seiten des armen Arnöldchens.

Der lustige Musikus kam oft mit den Gesetzen in Konflikt, wie wir einem Bericht der ,,Kölnischen Zeitung“ (No. 298 vom 27. Oktober 1873) entnehmen können:

„Der unter dem Namen Arnöldchen bekannte Straßenflötist stand heute als Beschuldigter vor dem Zuchtpolizeigericht, weil er auf einer seiner Kunstreisen eine große Schneiderschere zu verkaufen gesucht, über deren rechtlichen Erwerb er sich nicht ausweisen konnte. Seine Verteidigung beschränkte sich auf die Worte: ,Ich hatte etwas zuviel gehoben.‘ Wegen Mangel an Beweis wurde er freigesprochen.“

Als sich die oben geschilderten Straßenszenen über die Maßen häuften, riss den Behörden der Geduldsfaden, und da das Register der Strafbestimmungen erschopft war, so sollte der ,,Stein des Anstoßes“ aus den Straßen Kolns entfemt werden: die Pforten der Freiheit sollten sich endgiiltig hinter dem Arnoldchen schließen und die weiten Gebäude und Gärten von Brauweiler ihm zum dauernden Aufenthalt angewiesen werden. Als er hier am 6. Februar 1875 aufgenommen wurde, begann fiir ihn eine Kette ungeahnter Leiden, denn er muBte nicht allein Bier und Schnaps nunmehr entbehren, sondern er sollte auch arbeiten, er, der musikalische Künstler, der bisher seine Finger zu keiner anderen Arbeit als zum Flötenspiel gerührt hatte.

Aber das Arnöldchen hatte, wie so oft im Leben, auch dieses mal wieder Glück. Schon vor seiner Einlieferung in Brauweiler hatte ein in Wien verstorbener Verwandter seiner Mutter, einer geborenen Sophie Esser, ihm die Summe von ungefähr 6000 Mark, damals eine stattliche Summe, vermacht, die aber dem Arnöldchen nicht ausgehändigt werden sollte, weil man wohl mit Recht annahm, dass er mit so viel Geld nicht umzugehen wisse. Er schloss deshalb im September 1875 mit der Stadt Köln einen Vertrag, wonach diese ihn ,,in einem ihrer Häuser“ zeitlebens verpflegen wollte. So wurde denn das Arnöldchen aus der Brauweiler-Genossenschaft wieder abberufen und am 6. Nov. 1875 als lnvalidenpensionär im Bürgerhospital installiert.

Aber die Herrlichkeit dauerte nicht länger als ein Jahr. Da das Arnöldchen von der der Stadt überlassenen Erbschaft her auch Taschengeld erhielt, hatte er zu wiederholten Malen dem Schnaps wieder in solchem Maße zugesprochen, dass er nicht länger in einer offenen Anstalt geduldet werden konnte, und so wurde er denn am 12. Nov. 1876 zur Lindenburg ,,verlegt“, die er bis zu seinem seligen Ende nicht mehr verlassen hat. Für das Arnöldchen war es kein Unglück, da er nun der Straße und ihren Gefahren entrissen war. Denn die in der Lindenburg herrschende Regelmäßigkeit, Ordnung und Sauberkeit sowie eine reichliche, gute Nahrung haben ohne Zweifel sein Leben bis fast an das biblische Alter verlängert. Da das Arnöldchen körperlich gesund und kräftig war, wurde er schon wegen der erforderlichen Bewegung mit Gartenarbeiten beschäftigt. Wenn er dann von dem Garten aus die Kirchtürme seiner Vaterstadt erblickte, war er tief bewegt. Zu seiner großen Freude durfte er an Sonntagen auf seiner geliebten Flöte spielen, und seinen Tönen folgten dann wie dem Rattenfänger von Hameln die anderen Kranken auf den vielverschlungenen Wegen durch den alten Park der Anstalt. Auch bei kleinen Festlichkeiten durfte Arnöldchen mit seinen musikalischen Gaben nicht fehlen. Dann stand er stolz aufgerichtet neben dem Geigenspieler. Und wenn er dann für sein Spiel einen Becher Bier erhielt, dann glänzte sein stets glattrasiertes Speckgesicht in heller Freude. Er verstand sich sehr gut auf die Noten und konnte sogar vom Blatt blasen; er hat also nicht, wie man vielfach annahm, nur zum Ulk in das Notenblatt hineingeschaut.

So hat das Arnöldchen die letzten Jahre seines Lebens in Ruhe und Zufriedenheit verbracht. Nur ab und zu hat ihn die Sehnsucht nach der Vaterstadt und ihrem Vorrat an Schnaps und Bier bei ihm zu lebhafterem Ausbruche, und manchmal, wenn eine von ihm ausgesprochene Bitte erfüllt werden konnte, warf er sich in die Brust und mit selbstbewusster Miene: ,,lch ben heh Pensionär.“ Und er blieb es bis zum 25. Oktober 1902; an diesem führte ein Kehlkopfkrebsleiden seinen Tod herbei.

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*